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Über-den-Rand hinaus-Gehen
Im Gespräch in einer kleinen Galerie kam die Idee.
Beide Gesprächspartner sind in dieser oder jener Form seit Jahren
i m bereich Kunst aktiv.
Im ICE auf der Rückreise, beim Fahren, das heute schon lange kein
wirkliches Wegfahren mehr ist, spürte ich beim Vorüberschleifen
der Häuser, Masten, Lagerhallen, Wälder und Felder einmal mehr,
dass die Sucht nach der anderen Welt noch längst keine Reise zu einem
anderen Stern ist.
Lacan sagt: "Das Reale ist das Trauma", wohl wissend, dass das
Reale nicht existiert. anwesend aber sind dort, wo Handwerk (als Kopfwerk)
werkelt: Risse, Grundrisse, Aufrisse, Material Gestalt, Gestell, Figuren,
Farben,
Taktiles, Riechbares, Hörbares und immer mehr Virtuelles.
Kunstprodukte - was immer das heute heisst - sind auch wenn Künstler
es nur schwer so sehen wollen, im
Überfluss vorhanden. Sie werden immer ephemer, flüchtiger und
mit Recht. Es ist die Antwort auf vorzeitig zum Er-
starren gebrachte Erinnerungen. Es ist ein Versuch, draussen zu bleiben,
um drinnen zu überleben. Arbeiten ohne
Rahmen.
Im Virtuellen ist das Befremdende das Entfremdende. Kein Ziehen einer
Linie mit der Hand, kein realer
Pinselstrich, kein subtiles formen von Gips.
Abgehoben, abstrakt; man denkt: steril, und dann guckt man in die konzentrierten
Augen eines Kindes, das das
Virtuelle nicht real nimmt, aber mühelos in künstlichen Welten
leben kann.
Film, Bücher und Bilder sind Einbahnstrassen. Die Regie, der Autor
oder der Maler auf der einen Seite, die
Leser und Betrachter auf der andern. Das erzeugt Spannungen, Aura, aber
auch Anstrengungen im letzten und im
noch jungen neuen Jahrhundert lassen nicht nach: Geht es nicht auch anders?
Filme, Bücher, Statuten und Bilder haben schon seit es sie gibt Geschichten
erzählt, zum Teil grossartige, die
Höhenzeichnungen, Pyramiden, Giotto, Leonardo bis heute. In der Literatur
ist es nicht anders: von Homers
Odysseus bis James Joyce'Ulysses, Cervantes Ritter, Karl Mays' Indianer
und Dürrenmatts schaurig treffsicher-
übertriebenen Banker, Wissenschafter und Kleinbürger. Das Fikitve
ist das Wahre.
Warum also nicht fiktive Räume bespielen, die Räume ausweiten
in einem Medium, das den avancierten Benutzer
problemlos mitspielen lässt.
Arbeiten im Rahmen. Ein Museum, wie immer es konzipiert ist. Ob auf events
didaktisch oder ästhetisch ausge-
richtet, bleibt ein Museum und steht unter der Obsession der Präsentation,
vor allem aber des Erhaltens.
Das kulturelle Erbe ist nur die Geschichte einer Destruktion, die in einem
Spiel konstruktiver und museal einge-
meindeter Bilder rehabliliert wird, schreibt Henri Pierre Jeudy. Die Veranstaltungen
ausserhalb des "Rahmens"
im off, haben das im übrigen längst übernommen und
schielen nach dem Musealisierbaren. Die Museographie
lässt die Vergangeheit zu einem System kultureller Erinnerungszeichen
erstarren, sie verwandelt die Erinnerung
in ein Wörterbuch der Erhaltung. Museen sammeln Erinnerungen, darunter
immer auffälliger auch die Ästhetik
des Alltags der Zerstörung. Die gelungenen Museen sind heute Parodien
auf die städtische Zivilisation, eins so sauber gedacht wie das andere
und beide gleicherwiese der Verrottung und Verschmutzung ausgesetzt.
Die wachsende Zahl der von Architekten entworfenden Museumsphantome, irre
oder erhaben, werden immer selbstreferentiell. Nicht nur im Wahn. Ihr
A rgument: Wenn
die Museologen und Kuratoren Erinnerungszeichen
setzen, warum sollten die, die das Gehäuse für die rechtzeitige
Mumifizierung im Glücksfall genial entwerfen, nicht
auch das Innen setzen? Hauptsache es funkt und die Menge kommt. Liebeskinds
Jüdisches Museum in Berlin ist
in diesem Zusammenhang der schwer übertrumpfbare Gipfelpunkt: alles
zusätzlich Ausgestellte wird stören und
zerstören. In diesem speziellen Fall mit dem positiven Effekt, dass
die Erinnerungsstücke eigentlich draussen
bleiben müsstenund
die Theatralik und Versteinerung am dafür vorgesehenen Ort nicht
stattfinden kann. Sie
bleiben lebendig.
Der Schrecken und das
Erschrecken, das man museal ablgen wollte, finden keinen Platz.
Und eine virtuelle Kunsthalle: kann die etwas lebendig halten, was woanders
nicht mehr gelingt?
Um anzuknüpfen an das zum Museum Gesagte: auch eine reale Kunsthalle
ist eine Kunsthalle. Sie sucht
das für die zukunft bewahrungswürdig Befundene ins aktuelle
Gespräch zu stellen. Erfolgreich, wenn man zum Beispiel an die Kunsthalle
Bern denkt. Sie arbeitet - keineswegs arm - mit dem Mangel. Die Selektion
ist, bei wachsendem konkurenz- und konsensdruck, streng. Die Leiter sind,
vergleichbar mit Managern, in der Zwickmühle: Erfolg oder Absturz.
Diesem Entweder-Oder entgeht eine virtuelle Kunsthalle, jedenfalls zunächst.
Bis sie sich durchsetzt. Und sie entgeht keineswegs selbstverständlich
den Erinnerungshäufen. Aber sie ist viel flexibler, offener, kann
mehr riskieren, kann den Rahmen der Eingeladenen leicht weiter spannen,
von Johannisburg bis Perth, von Mailand bis Stockholm, von Zollikofen
bis Mönchengladbach; kann spielen, experimentieren, grenzenlos, aber
im Rahmen des Mediums. Das im Internet präsentierbare ist (sieht
man relativ einfach aufzubauenden Informations- und Dokumentationsfluss
ab), noch beinahe am Nullpunkt. Das neue Medium übt, testet, stürtzt
ab, banalisiert und kreiert. Die Distanz zwischen den Künstlern,
die in der medialen Umsetzung meist Amateure sind und den professionellen
Realisierern hat viele vorteile: die Experimentierer brauchen kraft, Lernfähigkeit
und Persistenz; es sind die Hartnäckigen und Obsessiven, die Schrägen,
die Spinner, die Dezentrierten und die im Virtuellen Herumwandernden undHherumsuchenden,
die, scheint mir, unbefangen mit den professionellen Umsetzern das Zusammengehen,
den Dialog suchen können.
Man muss den Glücksfall und die Notwendigkeit zwingen.
Eine übliche Halle hat naturgemäss den Widerhall auf ihrer Seite,
die virtuelle nicht. Die virtuellen müssen ihn
erzeugen, müssen kämpfen, Phantasieren.
Alles versuchen das bild festzuhalten oder preiszugeben.
Eine virtuelle Kunsthalle, offen wie sie ist, wird nicht nur Künstler
vorstellen, die schon ausschliesslich im Medium
arbeiten. Sie versteht sich auch als Ort, denjenigen, die nicht zwanghaft
einzelne Bilder Skulpturen oder Fotos er-
arbeiten, sondern ihre Werke vom Raum her und mit dem Raum konzipieren.
Platz einzuräumen, ebenso wie den
Konzeptkünstlern. Und sie versteht sich als Forum. Den stummen Betrachter
in eine aktive Mitmacherrolle versetzen,
Streitgespräche, Informationen, Anregungen: Kommunikation genannt,
nicht zu unrecht.
Josh Moulin
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